Kunst & Kultur | Stadtgespräch
Luise und Hermann Albertz: Politische Leben zwischen Buchdeckeln
Zwei große Oberhausener Politik-Persönlichkeiten waren im Ratssaal Thema: Die Autoren Hartmut Ganzke und Thomas Horschler haben am Donnerstag, 7. August 2025, ihre Doppelbiografie „Mutter und Vater Courage. Luise und Hermann Albertz: Eine deutsche Familiengeschichte“ vorgestellt. Die Lesung, zu der das Stadtarchiv Oberhausen eingeladen hatte, stieß auf großes Interesse: Rund 100 Menschen, darunter auch die Alt-Oberbürgermeister Burkhard Drescher und Klaus Wehling, waren ins Rathaus an der Schwartzstraße gekommen.
Oberbürgermeister Daniel Schranz begrüßte die Zuhörerinnen und Zuhörer – und erinnerte an das Schicksal des Politikers Hermann Albertz, der von 1919 bis 1933 im Rat der Stadt Oberhausen saß und auch Abgeordneter des Preußischen Landtages war. Er wurde nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wegen seines politischen Engagements verfolgt und starb 1944 in KZ-Haft. Schranz zeigte drei Fotos von der ersten Ratssitzung im Mai 1930 im damals neu eröfneten Rathaus – und machte darauf aufmerksam, dass in der letzten Reihe zwei Nationalsozialisten saßen. Keine drei Jahre später sollten nur noch Nationalsozialisten über die Geschicke Oberhausens bestimmen.
Oberbürgermeister Schranz: Buch stärkt Bewusstsein für Bewahrung der Demokratie
„Die Bewahrung der Demokratie ist sowohl aus der Rückschau als auch mit Blick auf unsere heutigen Verhältnisse eine wichtige Aufgabe“, betonte Schranz: „Deshalb freuen wir uns so über dieses Buch: Es trägt dazu bei, das Bewusstsein dafür nochmal zu stärken wie wichtig der Erhalt dieser Demokratie ist.“ Dafür habe sich Luise Albertz Zeit ihres langen politischen Lebens als Oberbürgermeisterin, Landtags- und Bundestagsabgeordnete eingesetzt.
Sonja Bongers, Vorsitzende der SPD-Fraktion im Rat und Landtagsabgeordnete, führte in die Lesung ein. Über Luise Albertz, die erste Oberbürgermeisterin einer deutschen Großstadt, die eine für ihre Zeit für Frauen ungewöhnliche politische Karriere machte, sagte Bongers: „Ihre Rolle im Leben fand sie als Kümmerin und Mutter der Oberhausener Bevölkerung.“ Sie habe selbst einmal gesagt: „Die ganze Stadt, das ist meine Familie.“ Was man aus Luise Albertz politischem Handeln lernen könne sei, „wie man Verantwortung übernimmt – mit Herz, mit Mut und mit unermüdlichem Einsatz für die Menschen“.
Luise und Hermann Albertz als Vorbilder
Journalist und Verleger Thomas Horschler und der Landtagsabgeordnete Hartmut Ganzke berichteten von der Entstehung der Doppelbiografie. „Je länger wir uns mit den beiden Persönlichkeiten beschäftigt haben, umso mehr sind sie zu einer virtuellen Persönlichkeit verschmolzen“, sagte Horschler, „und wir haben uns gefragt: Wo kann die Vorbildfunktion der beiden liegen?“
Eine Antwort gab ein Zitat von Luise Albertz aus ihrer Antrittsrede nach ihrer ersten Wahl zur Oberbürgermeisterin Oberhausens am 5. November 1946: „Ich möchte Ihnen noch sagen, dass mich seit meiner Kind¬heit ein Satz durch mein Leben begleitet hat, der wie folgt lautet: ,Das moralisch Richtige kann niemals das politisch Falsche sein.‘ Bis heute habe ich mir diesen Grundsatz zu ei¬gen gemacht und werde ihn auch in Zukunft als Richtschnur für meine Handlungen und Entscheidungen gelten lassen. Ich bin überzeugt, dass ich dann richtig und gerecht handeln werde.“ Der Spruch habe über dem Schreibtisch ihres Vaters gehangen: „Mein Vater hat mich erzogen, das Wohl aller Schaffen¬den immer im Auge zu haben und mich dafür einzusetzen. Er hat mich gelehrt, die Ungerechtigkeit der jetzigen Welt, die immer wieder zum Kriege führt, zu erkennen und zu be-kämpfen. Er hat mir durch sein Vorbild gezeigt, demokratisch und tolerant zu sein, und wies mich an, dass der Ärmste zuerst Hilfe zu erhalten hat.“